Die St. Johannes-Kirche
Die Geschichte unserer St. Johannes-Kirche vom Mittelalter bis heute

Die Geschichte unserer Pfarrei in Boele reicht zurück bis in das frühe Mittelalter. Bereits um 1180 wird in einer Steuerliste der Pfarrer von Boele erwähnt. Die Pfarrei blieb auch während der Reformation katholisch und ist somit die älteste katholische Pfarrei in der heutigen Stadt Hagen.

Vor der Errichtung der heutigen neo-romanischen Kirche bestand an selber Stelle eine romanische Kirche, deren Bau wohl ins 12. Jahrhundert zu datieren ist. Vor ihrem Abriss wurden Form und Gestalt dieser Kirche durch Aufnahmezeichnungen dokumentiert. 

1878 wurden Chor und erstes Joch der mittelalterlichen Kirche abgerissen und mit einem neuen Chor und Querhaus in neoromanischem Stil vergrößert. Der Anblick der beiden von den Proportionen nicht zusammenpassenden Teile mag eigenartig gewirkt haben. Auch der Eindruck im Inneren muss wenig ansprechend gewesen sein. Das Schiff des Altbaus lag einige Stufen tiefer als der Neubau, der durch große Rundbogenfenster beleuchtet wurde, während der Altbau nur von wenigen, kleineren Fenstern Tageslicht empfing. Durch die sehr niedrige und einen Großteil des Altbaus überdeckende Orgeltribüne muss dieser düstere Eindruck noch verstärkt worden sein, so dass sich die Gemeinde entschloss, auch den Rest der alten Kirche abzubrechen und den neoromanischen Neubau im selben Stil zu erweitern und zu vollenden. Der Anschluss gelang so perfekt, dass die Baunaht der beiden Bauabschnitte nur an wenigen verdeckten Stellen zu sehen ist. Da die umgebenden Häuser die Ausdehnung der Kirche beschränkten, baute man anstelle eines ursprünglich vorgesehenen Turmes eine Doppelturmfassade, die sich harmonisch in den Baukörper einpasst. In diese Turmfassade ist ein Stein mit der Jahreszahl 1887 eingelassen, der an die Vollendung der Kirche erinnert. Der Architekt beider Bauabschnitte war G.A. Fischer aus Barmen. Somit konnte unsere Gemeinde im Jahr 2012 das 125-jährige Bestehen ihrer Kirche feiern.

Architektur
Der heutige Bau ist eine dreischiffige, vierjochige Säulenbasilika mit Querschiff, zwei Seitenschiffen und Chor mit Fünf-Achtel-Abschluss. Das Licht fällt durch Rundbogenfenster des Chorraumes, der Seitenschiffe und der Emporenrückwand in den Raum. In der oberen Wandzone des Mittelschiffes befinden sich achtteilige Rundfenster und sechsteilige über den Portalen. Kreuzgewölbe mit Rippen zwischen halbrunden Gurtbögen überwölben das Schiff. Die Pilaster setzen stumpf auf den Kapitell-platten auf. Die Vierungssäulen sind als Bündelsäulen angelegt. Die Sandsteinkapitelle und die Gewöl-beschlusssteine tragen hervorragend gearbeitet Figuren- und Pflanzenmotive und gelten als Meisterwerke neoromanischer Bildhauerkunst.

In der an sich schlichten äußeren Gestaltung wurde die doppeltürmige Westfassade mit dem Hauptportal reicher gestaltet. Sie stellt sich als zweigeschossige Front mit Dreiecksgiebel dar und trägt je Geschoss dreibogige Blendarkaden. Im unteren Geschoss wird in der Mitte das Portal mit Tympanon eingeschlossen. Schlanke Doppelsäulen tragen die Blendbögen im Obergeschoss. Das vertieft liegende Portal findet seine Antwort in dem sechsteiligen Rundfenster, das links und rechts von Vierpässen begleitet wird. Das gekuppelte Fenster im Giebel wird variierend in den Fensteröffnungen der Türme fortgesetzt. Sie dienen dort als Schallöffnungen für die Glockenstuben. In den Giebelfassaden der Querschiffe sind Kreis- und Bogenfenster zu vorzüglichen Kompositionen gefügt. Die Gestaltung verrät den rheinischen Einfluss und verweist auf die romanischen Vorbilder des Mittelalters, besonders im Raum Köln.  

Kuckemännchen
Im Giebel des nördlichen Querhauses erhielt die Kirche neben dem üblichen Bauschmuck auch eine ungewöhnliche Steinmetzarbeit. Während des Baus der Kirche soll ein alter Mann, der am Kirchplatz gewohnt haben soll, täglich von früh bis spät den Bauleuten und Steinmetzen bei ihrer Arbeit interessiert zuge“kuckt“ haben. Ein Steinmetz meißelte deshalb die Gestalt dieses ausdauernden, aber vielleicht auch etwas seltsamen Zeitgenossen in Stein und fügte die Figur in den Giebel ein. Die Figur wird „Kuckemännchen“ genannt und schaut nun aus luftiger Höhe auf das Leben und Treiben der Menschen auf dem Boeler Kirchplatz.

Ausstattung

Boeler Madonna

Wertvollstes Ausstattungsstück im Innern der Kirche ist die spätgotische Boeler Madonna aus dem frühen 15. Jahrhunderts, die sich an der nördlichen Säule des Triumphbogens befindet. Sie stellt mit Krone und Zepter Maria als Königin dar und trägt auf dem Arm das segnende Jesuskind. Eine zweite, thronende ebenfalls Boeler Madonna genannte Mariendarstellung aus dem 13. Jahrhundert befindet sich heute als Leihgabe im Diözesanmuseum in Paderborn.

 

Kreuzigungsgruppe

An der Stirnseite des nördlichen Querschiffes ist eine farblich gefasste spätromanische Kreuzigungsgruppe eines unbekannten Künstlers zu sehen. Ursprünglich war die Kreuzigungsgruppe an der Chorrückwand aufgestellt worden, fand aber bei der Renovierung 1989 einen idealeren Platz an ihrem heutigen Standort, an dem sie besser zur Geltung kommt.

 

Heilige Sippe
Der Kreuzigungsgruppe gegenüber findet sich ein Bild, das Jesus, Maria und Josef, sowie Elisabeth und Johannes den Täufer als heilige Sippe bzw. heilige Familie zeigt. Der Künstler ist unbekannt.

Kreuzweg
Die Kreuzwegbilder aus der Entstehungszeit der Kirche wurden 1957 aus ihrer epitaphähnlichen Gipsumrahmung herausgenommen und schlichter gerahmt, 1971 gänzlich aus der Kirche entfernt, 1989 restauriert und wieder aufgehängt.

Pieta
In der Turmkapelle ist eine neoromanische Pieta zu sehen.

Johannes-Ikone
In einer Nische unter der Orgeltribüne befindet sich eine russische Ikone aus dem 19. Jahrhundert, die die Enthauptung des Johannes zeigt.

St. Josef
An der Stirnseite des südlichen Querschiffes ist eine moderne, schlichte, aus Eichenholz geschaffene, fast lebensgroße Statue zu finden, die Josef und Jesus zeigt. Josef hält in der rechten Hand eine Säge als Zeichen des Zimmermanns, die Linke liegt väterlich auf Jesus Schulter, der als ca. 11-jähriges Kind dargestellt ist.

St. Johannes
Eine weitere Darstellung des Kirchenpatrons befindet sich seit 1989 an der, der Boeler Madonna gegenüberliegenden Säule des Triumphbogens. Die Statue ist eine Südtiroler Schnitzarbeit, die sich an eine Johannesdarstellung des Tilman Riemenschneider orientiert und in Zeit und Stil der Boeler Madonna entspricht.

Altar, Ambo, Tabernakel, Taufbrunnen
Der 1971 im Zuge der Liturgiereform geschaffene neue Altar besteht aus einer Platte aus grünem Anröchter Dolomit, die auf vier Säulen aus dem gleichen Material ruht. Die Säulen werden von vier Bronze-reliefs umgeben, die ein Blätterwerk darstellen, das symbolisch für den Baum des Lebens stehen soll.

Ebenfalls 1971 wurde ein neues Ambo geschaffen, das das Blattmotiv des Altars aufnimmt.

Der ebenfalls 1971 neu geschaffene Tabernakel wurde 1989 in einen spätromanischen Altar eingefügt, der aus dem Diözesanmuseum Paderborn in die Boeler Kirche gekommen ist.

Der neue, von dem Warendorfer Künstler Edgar Gaußling geschaffene Taufbrunnen wurde 2005 an der rechten Ecke der Altarinsel aufgestellt. In seiner äußeren Form nimmt der Taufbrunnen die Form der neoromanischen Säulen mit Stumpf und Kapitell auf. Die Basis zeigt in abstrahierender Form Motive fließenden Wassers, aus dem die Säule des Taufbrunnens erwächst, endend in einem Kapitell, das wiederum abstrahierend ein Blattmotiv zeigt. Das Äußere des Taufbrunnens symbolisiert das Wasser, aus dem neues Leben entsteht, Bezug nehmend auf das Wasser der Taufe, aus dem das neue Leben des getauften Menschen erwächst.

Fenster
Die neoromanischen figürlichen Kirchenfenster wurden in den 60er Jahren ersetzt. Drei farbenreiche Fenster im Chorraum stellen figürlich bis abstrahierend die 12 Apostel dar. Die Fenster im Querschiff, in den Seitenschiffen, im Obergarden und in der Turmkapelle sind rein ornamental gehalten und nur wenig farbig gestaltet, so dass sie viel Tageslicht in die Kirche lassen und der Raum auch ohne Beleuchtung eine gute Helligkeit besitzt. Ihrem jeweiligen Standort z.b. dem Seitenschiff entsprechend, zeigen die Fenster Ornamente, die nur an diesem Standort zu finden sind.

Glocken
Den Glocken der St. Johannes-Kirche erging es wie denen in vielen anderen Kirchen: Die Kirche musste 1917 vier ihrer fünf Glocken abliefern. Sie waren aus Bronze, das zu Messing umgearbeitet und als Material für Geschosshülsen verwendet werden konnte. Nach der Neuanschaffung von sechs Bronzeglocken 1924 wurden 1942 alle Glocken aus dem Turm herausgeholt. Im Jahre 1951 schaffte man vier Glocken aus Stahl an. Sie waren billiger und müssen hoffentlich nicht noch einmal Kriegszwecken dienen.

Gestaltung

Der Innenraum der Kirche erfuhr in den 130 Jahren ihres Bestehens zahlreiche Umgestaltungen. Ursprünglich scheint der Raum bis auf die Fenster, Altäre und die Kanzel schmucklos gewesen zu sein. Die Kostenaufstellung zum Abschluss des zweiten Bauabschnittes spricht nur von Anstreicharbeiten, während die Kostenaufstellung der ersten Renovierung 1911 von Wand-, Altar- und Figurenmalerei spricht. Außerdem wurden 1911 die Wände bis zu den Fenstern mit dunkelgrünen, glänzenden Fliesen plattiert, die der Kirche einen düsteren und einem Sakralraum nicht angemessen Eindruck verliehen. Hierzu passt eine Geschichte, die sich jahrelang in Boele hielt und nach der die Fliesen beim Bau der Boeler Badeanstalt, einer ehemals pfarrgemeindlichen Einrichtung, übrig geblieben und dann in der Kirche verwendet worden seien. Allerdings wurde die Badeanstalt erst 1925 gebaut, so dass kein wahrer Funke an dieser Geschichte sein kann.

Bei der zweiten Renovierung im Jahre 1957 überputzte man diese Fliesen, verkleidete nach dem damaligen Zeitgeschmack überflüssige Säulen im Chorraum, überstrich die Malereien und entfernte zahlreiche Heiligenfiguren, Kanzel, Taufbecken und Altäre. Man schuf diese Ausstattungsstücke neu, immer bemüht modern zu sein, der neo-romanischen Architektur aber nicht zu widersprechen. Kanzel, Hoch- und Marienaltar wurden mit künstlerisch aufwändigen Mosaiken versehen. Im Zuge dieser Renovierung erhielt die Kirche die spätgotische Boeler Madonna zurück und man kann von einer harmonischen und gelungenen Renovierung sprechen. Im Zuge der Liturgiereform stand 1971 sie dritte Renovierung an. Hatte man 1957 noch mit farblichen Abstufungen und Vergoldungen der Gewölbeschlusssteine gearbeitet, wurde nun alles weiß gestrichen. Der Hochaltar wurde in den vorderen Chorbereich gezogen und neu gestaltet. Die Mosaiken der 50er Jahre gingen verloren. Aus dieser Zeit zeugen bis heute nur noch die Apostelleuchter und Weihwasserbecken. Der Schlichtheit der 70er Jahre überdrüssig, holte man Anfang der 80er Jahre eine romanische Kreuzigungsgruppe in den Altarraum, die heute im nördlichen Querhaus ihren Platz gefunden hat. Bei der vierten Renovierung 1989 wurden die Kapitelle und Schlusssteine im Gewölbe farblich gefasst und die Gewölbezwickel ausgemalt. Im Querhaus wurde eine Altarinsel geschaffen, um die sich die Sitzbänke herum gruppieren. Hierdurch wurde eine gelungene, liturgische Neuordnung geschaffen, durch die sich die Gemeinde nicht mehr vor dem Altar, sondern um den Altar, um Jesus Christus in ihrer Mitte herum versammelt.

 Auf Grund von Feuchtigkeits- und Heizungsproblemen kam es zu starken Verrußungen an den Wänden und im Jahre 2004 wurde die fünfte Renovierung notwendig. Eine aufwändige Klimamessung, die sogar im „Deutschen Architektenblatt“ veröffentlicht wurde, zeigte, dass durch die Menschen im Gottesdienst zu viel Feuchtigkeit in den Raum gebracht wurde und der Raum nicht ausreichend belüftet werden konnte. Deshalb wurden die Obergardenfenster zu Kippfenstern umgebaut. Ein neues Heizungssystem misst nun die Feuchtigkeit und steuert das Öffnen und Schließen der Fenster außerhalb der Gottesdienste.

Aber auch gestalterisch wurden konsequenter als 1989 neue Wege gesucht. Im Chorraum wurden die Säulen freigelegt, die in den 50er Jahren vermauert worden waren. Von Hubert Peetz aus Marsberg wurde ein neues Konzept der Ausmalung erarbeitet, das sich an Formen romanischer Ausmalungen orientiert. Am auffälligsten ist dies im Chorraum zu sehen, der eine in romanischen Kirchen häufig zu findende Teppichmalerei zeigt. Mit dem neuen Taufbrunnen, der sich hervorragend an die Materialien von Altar und Ambo anpasst, erhielt die Kirche aber auch ein modernes, neues Ausstattungsstück. 

Die Kirche muss immer erneuert werden. Dieser Grundsatz gilt nicht nur für die Gemeinschaft der Getauften, sondern auch für den Kirchenbau. Die Boeler Pfarrkirche ist kein seit 125 Jahren unberührtes Denkmal, sondern zeugt davon, dass sie bis heute für viele Menschen ein Ort zum Glauben, ein Ort zum Beten, ein Mittelpunkt des geistlichen Lebens einer lebendigen Gemeinde ist:

 

Zum 125jährigen Jubiläum ist eine Festschrift erschienen, die ausführlich über die St. Johannes Kirche informiert. Sie ist für 10,- € im Pfarrbüro erhältlich.